Was Pferde über Führung lehren: Die Macht der physischen Präsenz
Das erste Mal im Round Pen
Das erste Mal, als ich im Round Pen stand, dachte ich, Jahre als Trainer hätten mich auf alles vorbereitet. Dann spürte ich die 600 Kilo Pferd vor mir – und merkte: Dieser Moment würde alles verändern, was ich über Führung zu wissen glaubte.
Das Pferd fixierte mich mit seinen dunklen Augen. Keine Worte wurden gewechselt, kein Kommando gegeben. Und doch fand in diesem Moment eine intensive Kommunikation statt. Das Pferd las mich – jede Anspannung in meiner Schulter, jeden unsicheren Atemzug, jede minimale Verschiebung meines Gewichts.
In diesem Augenblick wurde mir klar: Pferde sind unbestechliche Lehrer. Sie reagieren nicht auf das, was wir vorgeben zu sein, sondern auf das, was wir tatsächlich sind. Und sie tun dies vor allem über einen Kanal, den wir in der Geschäftswelt viel zu oft vernachlässigen: unsere physische Präsenz.
Das unterschätzte Problem in der Führung
In Besprechungsräumen, Konferenzhotels und virtuellen Meetings konzentrieren wir uns auf Worte, Zahlen und PowerPoint-Folien. Wir glauben, dass Führung primär durch das Was unserer Botschaft funktioniert – durch logische Argumente, überzeugende Daten und klare Strategien.
Doch die Forschung zeigt: Ein Großteil unserer Kommunikation erfolgt nonverbal. Studien sprechen von 60-90% unserer Botschaft, die durch Körpersprache, Stimmlage und physische Präsenz vermittelt wird.
Trotzdem investieren Führungskräfte Stunden in die Ausarbeitung ihrer Präsentationen, aber kaum Zeit in die Reflexion darüber, wie sie diese präsentieren. Sie optimieren ihre Argumente, aber nicht ihre Haltung. Sie feilen an ihren Worten, aber nicht an ihrer Ausstrahlung.
Das Ergebnis? Führungskräfte, deren Worte Selbstvertrauen verkünden, während ihre Körpersprache Unsicherheit signalisiert. Manager, die von Vision sprechen, aber keine Präsenz haben. Teams, die die Diskrepanz spüren – oft unbewusst – und das Vertrauen verlieren.
Pferde würden solchen Führungskräften keine fünf Minuten folgen.
Was Pferde über Präsenz lehren
Pferde sind als Fluchttiere über Jahrmillionen darauf optimiert worden, ihre Umgebung präzise wahrzunehmen. Ihr Überleben hing davon ab, subtilste Signale zu lesen – ist der Schatten dort hinten ein Raubtier? Ist die Anspannung in der Herde ein Zeichen von Gefahr?
Diese hochentwickelte Sensibilität macht sie zu perfekten Spiegeln unserer physischen Präsenz. Ein Pferd registriert:
Die kleinste Veränderung in unserer Körperhaltung
Minimale Anspannungen in unserem Körper
Unseren Atemrhythmus und Herzschlag
Die Kongruenz zwischen unserem äußeren Auftreten und innerem Zustand
Wenn ein Reiter nervös ist und versucht, Ruhe vorzutäuschen, durchschaut das Pferd diese Fassade sofort. Es reagiert auf die innere Realität, nicht auf die äußere Darstellung. Das Pferd wird nervös, unsicher oder widerspenstig – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil es auf die tatsächlichen Signale reagiert, die der Reiter aussendet.
Auf der anderen Seite kann ein mental und physisch zentrierter Reiter selbst ein von Natur aus ängstliches Pferd beruhigen. Seine ruhige, selbstsichere Präsenz vermittelt Sicherheit. Das Pferd entspannt sich, wird aufmerksam und kooperativ.
Diese Dynamik unterscheidet sich kaum von der in Unternehmen. Ihre Mitarbeiter mögen nicht die sensorischen Fähigkeiten eines Pferdes haben, aber sie spüren auf einer unbewussten Ebene, ob Ihre physische Präsenz mit Ihren Worten übereinstimmt. Sie merken, ob Sie wirklich präsent sind oder nur so tun. Sie registrieren Ihre Unsicherheit, Ihre Nervosität, Ihre Authentizität – oder deren Fehlen.
Die vier Säulen der physischen Präsenz
Nach Jahren der Arbeit mit Pferden und der Übertragung dieser Prinzipien auf die Unternehmensführung habe ich vier zentrale Aspekte identifiziert, die eine starke physische Präsenz ausmachen:
1. Bewusste Haltung
Eine aufrechte, offene Körperhaltung ist mehr als Ästhetik. Forschung zeigt, dass sie direkt unsere Physiologie beeinflusst – sie erhöht den Testosteronspiegel und senkt Cortisol, was zu mehr Selbstvertrauen und weniger Stress führt.
Im Umgang mit Pferden merkt man sofort: Eine zusammengesackte, unsichere Haltung lädt das Pferd ein, die Führung zu übernehmen oder zu ignorieren. Eine aufrechte, aber entspannte Haltung signalisiert ruhige Autorität.
Praktische Übung: Stellen Sie sich vor, ein unsichtbarer Faden zieht Sie sanft am Scheitel nach oben. Lassen Sie Ihre Schultern entspannt nach hinten und unten fallen. Visualisieren Sie, dass Ihre Füße Wurzeln in den Boden schlagen. Nehmen Sie diese Haltung mehrmals täglich bewusst ein – vor wichtigen Meetings, Präsentationen oder schwierigen Gesprächen.
2. Gezielter Augenkontakt
Augenkontakt ist ein mächtiges Instrument der nonverbalen Kommunikation. Er schafft Verbindung, signalisiert Aufmerksamkeit und Selbstvertrauen.
In der Arbeit mit Pferden lernt man schnell: Zu intensiver Blickkontakt kann als Bedrohung wahrgenommen werden, zu wenig als Unsicherheit oder Desinteresse. Die richtige Balance zu finden ist entscheidend.
Praktische Anwendung: Halten Sie etwa 60-70% der Gesprächszeit Augenkontakt. Bei Gesprächen mit mehreren Personen verteilen Sie Ihren Blick gleichmäßig. Achten Sie darauf, dass Ihr Blick warm und offen ist, nicht starr oder aggressiv.
3. Offene, ruhige Gestik
Gesten können Ihre Worte erheblich verstärken oder schwächen. Offene Gesten mit sichtbaren Handflächen signalisieren Ehrlichkeit und Offenheit. Ruhige, kontrollierte Bewegungen vermitteln Selbstvertrauen.
Pferde reagieren extrem sensitiv auf unsere Gesten. Hektische, nervöse Bewegungen machen sie unruhig. Ruhige, klare Gesten schaffen Vertrauen.
Was zu vermeiden ist: Verschränkte Arme (wirkt defensiv), nervöses Spielen mit Gegenständen (signalisiert Unsicherheit), zu große oder hektische Bewegungen (wirkt unstet).
4. Bewusste Atmung
Unsere Atmung ist die Brücke zwischen Körper und Geist. Tiefe, ruhige Atmung aktiviert den parasympathischen Nervensystem, reduziert Stress und erhöht Konzentration.
Im Horsemanship lernt man: Pferde können unseren Atemrhythmus wahrnehmen. Ein angespannter, flacher Atem macht sie nervös. Tiefe, ruhige Atmung beruhigt sie.
Praktische Technik: Bauchatmung. Legen Sie eine Hand auf Ihren Bauch, atmen Sie tief ein, sodass sich der Bauch nach außen wölbt. Atmen Sie langsam aus. Nutzen Sie diese Technik vor und während stressiger Situationen.
Physische Präsenz in der Praxis: Lisas Vorstandspräsentation
Lisa, eine aufstrebende Managerin in einem Technologieunternehmen, stand vor ihrer größten beruflichen Herausforderung: eine Präsentation vor dem Vorstand. Ihr Projekt hatte das Potenzial, die Produktstrategie des Unternehmens nachhaltig zu beeinflussen – aber nur, wenn sie die skeptischen Vorstandsmitglieder überzeugen konnte.
Die Tage vor der Präsentation waren von Nervosität geprägt. Lisa kannte ihre Zahlen, ihre Argumente waren wasserdicht. Aber sie wusste auch: In einem Raum voller erfahrener Führungskräfte würde sie mehr brauchen als nur gute Inhalte.
Am Morgen der Präsentation nahm sie sich eine Auszeit. Bevor sie den Konferenzraum betrat, stand sie für einige Minuten allein in einem ruhigen Büro. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung – tiefe, langsame Atemzüge, um ihr Nervensystem zu beruhigen. Sie überprüfte ihre Körperhaltung, richtete sich auf, ließ die Schultern entspannt nach hinten fallen.
Als sie den Raum betrat, war sie mental und physisch zentriert. Während ihrer Präsentation achtete sie bewusst auf ihre physische Präsenz:
Stand: Sie positionierte sich zentral im Raum, beide Füße fest auf dem Boden, vermittelte Stabilität und Selbstvertrauen.
Haltung: Aufrecht, aber nicht steif. Offen, aber nicht übertrieben.
Gestik: Sie verwendete ruhige, offene Gesten, um ihre Punkte zu unterstreichen – keine nervösen Bewegungen, keine verschränkten Arme.
Augenkontakt: Sie verteilte ihren Blick gleichmäßig über alle Vorstandsmitglieder, hielt Augenkontakt lang genug, um Verbindung herzustellen, aber nicht so lang, dass es unangenehm wurde.
Atmung: Wann immer sie Nervosität spürte, nahm sie einen bewussten, tiefen Atemzug, um sich zu zentrieren.
Das Ergebnis? Die Inhalte ihrer Präsentation waren überzeugend – aber es war ihre physische Präsenz, die den entscheidenden Unterschied machte. Die Vorstandsmitglieder spürten ihr Selbstvertrauen, ihre Kompetenz, ihre Authentizität. Sie wirkten nicht nur durch ihre Worte, sondern durch ihre gesamte Präsenz überzeugend.
Am Ende der Präsentation erhielt Lisa nicht nur die Zustimmung für ihr Projekt, sondern auch persönliches Lob vom CEO für ihre "beeindruckende Präsenz" und "natürliche Führungsqualität".
Die Lektion für Ihre Führung
Physische Präsenz ist kein angeborenes Talent – es ist eine Fähigkeit, die entwickelt werden kann. Genau wie ein Reiter lernt, bewusster mit seiner Körpersprache umzugehen, um effektiver mit seinem Pferd zu kommunizieren, können auch Führungskräfte lernen, ihre physische Präsenz zu kultivieren.
Der erste Schritt ist Bewusstsein. Beginnen Sie damit, Ihre eigene Körpersprache in verschiedenen Situationen zu beobachten. Wie stehen Sie in Meetings? Wie bewegen Sie sich? Wie ist Ihre Atmung, wenn Sie gestresst sind?
Der zweite Schritt ist Übung. Integrieren Sie die vier Säulen der physischen Präsenz bewusst in Ihren Alltag. Es braucht Zeit, bis diese Praktiken zur zweiten Natur werden – aber jede bewusste Anwendung bringt Sie einen Schritt weiter.
Der dritte Schritt ist Feedback. Bitten Sie vertrauenswürdige Kollegen oder einen Coach um ehrliches Feedback zu Ihrer Wirkung. Nehmen Sie sich bei Präsentationen auf Video auf und analysieren Sie Ihre Körpersprache.
Abschließende Gedanken
In der Welt des Horsemanship sagt man: "Das Pferd ist der ehrlichste Spiegel, den du je finden wirst." Pferde lehren uns, dass wahre Präsenz nicht gespielt werden kann. Sie muss authentisch sein, von innen kommen, aus einem Zustand der inneren Ruhe und Klarheit.
Dasselbe gilt für Führung. Ihre physische Präsenz ist mehr als nur Technik – sie ist der äußere Ausdruck Ihres inneren Zustands. Wenn Sie an Ihrer physischen Präsenz arbeiten, arbeiten Sie gleichzeitig an Ihrer inneren Haltung, Ihrem Selbstvertrauen, Ihrer Authentizität.
Die gute Nachricht: Sie müssen nicht perfekt sein. Auch erfahrene Horsemen haben Momente der Unsicherheit. Aber sie haben gelernt, sich schnell wieder zu zentrieren, ihre Präsenz bewusst zu gestalten und authentisch zu führen.
Beginnen Sie heute. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, bevor Sie in Ihr nächstes Meeting gehen. Atmen Sie tief, richten Sie sich auf, zentrieren Sie sich. Und beobachten Sie, wie sich die Reaktionen Ihres Teams verändern, wenn Sie mit stärkerer Präsenz führen.
Über mich: Ich bin Bernhard Ehm, Autor von 13 Büchern über Leadership und Selbstentwicklung, darunter "Management by Horsemanship". Nach 15 Jahren als Trainer habe ich die Prinzipien der Pferdekommunikation in die Unternehmensführung übertragen.